50 Jahre Earth Day – und keiner macht ne Party!

Heute, am 22. April 2020, hat der sogenannte Earth Day seinen 50. Geburtstag. Ein so rundes Jubiläum wäre ein Grund zu feiern; doch zur Party will keiner einladen. Ein Jubiläumsfest würde sich eher wie der Tanz am Abgrund anfühlen und nicht wie der stolze Rückblick auf ein erfolgreiches halbes Jahrhundert. Denn der Erde geht es heute viel schlechter als 1970. Deshalb ist der Earth Day auch dringender als je zuvor.

Ursprünglich wurde der Earth Day von einigen jungen, idealistischen Umweltschutzaktivisten in den USA ausgerufen. Der erste offizielle Earth Day am 22. April 1970 hatte auch damals schon einen Nerv getroffen: auf der Welle des „Anti-War-Movements“ und unter dem Eindruck des ersten massiven Öl-Bohrinsel-Lecks im kalifornischen Santa Barbara im Jahr davor begaben sich vor allem junge Menschen in den USA zur Demo für die Erde auf die Strassen. Man hatte ein erstes Bewusstsein geschaffen für die Problematik der Luft- und Wasserverschmutzung. 20 Millionen Menschen sollen es damals gewesen sein, die den ersten Earth Day begingen. Geschätzte eine Milliarde Menschen sind es in diesen Tagen, die sich der Idee des Earth Day verschreiben und sich dem Thema annehmen. Ein Erfolg sicherlich – doch aufgrund trauriger Umstände.

Dass so viele Menschen nun für die Erde und ihren Schutz eintreten ist einerseits positiv. Noch nie waren die Menschen sich so bewußt, dass die Erde nur endliche Ressourcen hat und wir alles dafür tun müssen, um unsere natürliche Umwelt zu bewahren, zu schützen und wieder zu beleben. Es mag verwegen klingen, dass man sagt, man sei sich heute über den Wert der Natur mehr bewußt. Über Jahrtausende lebte der Mensch nämlich in komplettem Einklang mit der Natur: so lange bis die menschliche Zivilisation sich mehr und mehr der Idee des wirtschaftlichen Wachstums und der ungezügelten Ausbeutung der Erde verschrieb. In der Zeit davor war das Verhältnis des Menschen zu Erde ein eher unbewußtes: man nahm sich was man zum Überleben brauchte und nicht mehr. Das Zusammenspiel zwischen Erde und Mensch war ein natürliches und auf Balance bedacht; instinktiv wusste der Mensch, dass die Ausbeutung der Umwelt ihm selbst Schaden zufügen würde. Heutzutage ist das Verhältnis Erde-Mensch längst in ein krankes Ungleichgewicht geraten. Wir verbrauchen pro Jahr mehr Erde als wir rechnerisch zur Verfügung haben.

Der negative Geschmack zum 50. Jubiläum des Earth Day überdeckt jedoch jede Feierlaune. In den letzten 50 Jahren hat der Mensch die Erde ausgeraubt, verwüstet und umgestaltet, wie in Jahrhundertausenden von Jahren davor nicht. Die Erde steht kurz vorm Kollaps: Klimawandel läßt grüßen. Wir vernichten die Grundlage unseres Lebens sehenden Auges und vernichten uns selbst jeden Tag mehr. Die aktuelle Corona-Pandemie deuten deshalb auch einige Menschen als ein Zeichen des Burnouts der Erde; es sei eine Art Selbstschutz-Reaktion des Planeten, um uns Menschen loszuwerden und dann wieder als Erde zu gesunden – ohne uns. Folglich kann man die weltweite plötzliche Krise und den damit verbundenen Stillstand als Weckruf verstehen. Liebe Leute, wacht auf, und kümmert Euch endlich achtsam und nachhaltig um die Erde.

Genau diesen Weckruf wollte und will der Earth Day schon seit seinem ersten Tag verkünden. Nie war dieses Weckruf notwendiger und niemals wurde er hoffentlich endlich von so vielen Menschen gehört; so vielen, dass auch eine starke Botschaft davon ausgeht. Wir haben nur diesen einen Planeten! Wir müssen ihn schützen und bewahren. Jetzt ist es die Zeit, dafür einzustehen und tatsächlich den Earth Day zu feiern.

Die Möglichkeiten des Feierns sind jedoch stark eingeschränkt in diesen Tagen der Kontaktsperren. Dennoch kann man so Einiges tun: zunächst indem man kurz Dankbarkeit für die Erde und was sie Gutes für uns tun innehält. Indem wir möglichst viele Menschen auf den Earth Day und seinen Zweck aufmerksam machen, können wir einen weiteren kleinen Beitrag leisten. Zusätzlich machen wir uns heute bei jeder Handlung, Aktivität, Planung und Arbeit ein bisschen mehr Gedanken, wie unser Verhalten die Erde negativ beeinflusst und was wir dagegen tun können. Wir achten auf unseren Müll, wir achten auf unseren Konsum und Verbrauch; wir leben mal für einen ganzen Tag ganz im Bewusstsein, dass wir nur Gäste auf dieser Erde sind – und verhalten uns dann auch wie Gäste.

Vielleicht nehmen wir von diesem Tag dann auch mit, dass es vieler kleiner Schritte bedarf, um die Erde zu retten. Vielleicht nehmen wir mit, dass jede*r von uns diese kleinen Schritte gehen kann und sie gehen muss. Vielleicht feiern wir dann die Erde ab heute jeden Tag ein bisschen – denn jemanden feiern, heisst auch, ihr Dankbarkeit und Respekt zu erweisen. Vielleicht können wir dann beim nächsten Jubiläum des Earth Day eine tolle Party machen. Aber bitte erst nicht in 50 Jahren.

Tags:
Christian Knäbel
ck@globalmediaconsult.com

Christian Knäbel ist ein erfahrener Unternehmensberater und Coach. Er berät Unternehmen, aber auch Einzelpersonen, weltweit in der Medien- und Telekommunikationsbranche in Projekten zu Strategie, Business Development und Nachhaltigkeit. Sein Motto: Nachhaltig leben sollte kein Hexenwerk sein: praktisch und in kleinen Schritten kann jeder was tun.