Eine rundherum gute Stadt: das neue Donut-Modell für Amsterdam

Die Stadt Amsterdam bzw. deren Stadtregierung hatte schon immer ein Händchen dafür, ein wenig innovativer zu sein als viele andere Städte vergleichbarer Größe. Mit Mut und Visionen wird die Zukunft der Kommune gestaltet: umso mehr jetzt mit Blick auf die ‚Nach-Corona-Zeit‘. Die Stadtverwaltung hatte Anfang April 2020 entschieden, dafür die Weichen zu stellen und die weitere Entwicklung der Stadt durch das Konzept des sogenannten Donut-Modells leiten zu lassen. Wer jetzt denkt, hier würde nun anstatt berühmter Cookie-Shops eher auf andere beglückende Backwaren gesetzt, liegt leider falsch. Das Donut-Modell ist einer moderner, wissenschaftlich fundierter Ansatz der Ökonimie.

Das „Amsterdam City Doughnut“ Konzept ist ein Art ordnungspolitischer Werkzeugkoffer basierend auf der revolutionären Wirtschaftstheorie von Kate Ratworth. Die Professorin für Wirtschaftswissenschaften am Environmental Change Institute der Oxford University hat ihre bahnbrechenden Ideen in einem vielbeachteten Bestseller vor einigen Jahren einem breiten Publikum vorgestellt. Das Buch „Die Donut-Ökonomie“ sollte Pflichtlektüre für jeden Wirtschaftsinteressierten und vor allem in diesen Zeiten der Maßstab des Handelns von Regierenden auf allen Ebenen sein. Kurz umrissen beschreibt das Konzept einen Gestaltungsweg, der eine „Komfortzone“ für die menschliche Gesellschaft definiert, in dem das Leben zwischen Grundbedürfnissen und den Erfordernissen der Umwelt ausgeglichen und nachhaltig ist. Diese Zone ist quasi der Teig des Donuts – ein angenehmer Vergleich, denn jeder mag diesen Teig und es ist „comfort food“ aus dem Bilderbuch. Das „Loch“ des Donut steht für die Grundbedürfnisse einer Gesellschaft und menschlichen Daseins: Existenzsicherung, gesunde Umwelt (keiner bestreitet inzwischen, dass wir klares Wasser und saubere Luft zum Überleben brauchen). Der den Donut umschließende Guß ist in dem Modell unsere Beziehung als Gesellschaft zu Themen des „ökologischen Deckels“: dieser Deckel definiert sich durch Fragen des Klimawandels, Biodiversität, Landverbrauch, Umweltverschmutzung, etc.

Kate Ratworth hat ihr Modell in enger Kooperation mit der Amsterdamer Stadtregierung speziell für die praktische Anwendung adaptiert. Die Stadt hat sich ganz bewusst dafür entschieden, dieses Modell jetzt einzuführen. Man will damit auch Hoffnung und Zuversicht signalisieren- es soll als Leitbild verstanden werden, um auch die ökonomischen Mechanism der Vergangenheit zu überwinden, die letztendlich mit zum globalen Schrecken der Pandemie beigetragen haben. Die Corona-Krise und ihre Folgen stellt Kommunen und Regierungen vor neue Herausforderungen: plötzlich sind Probleme im Bereich Wohnen, Soziale Versorgung, Gesundheitswesen, lokale Arbeitsplatzsicherheit, Gemeinschaft und Umwelt in ganz neuen Blickwinkeln und Dringlichkeit zu bearbeiten. Das Donut-Modell bildet einen Handlungsrahmen und Kompass für diese Fragestellungen und passende Lösungswege.

Konkret gibt der Ansatz Handlungsziele vor, wie die Stadt gedeihen kann, um lebenswert, nachhaltig und sozial zu sein – kurz um das bestmögliche Umfeld für ihre Bewohner*innen zu bieten. Das Konzept umfasst dabei Ideen der „Circular Economy“, der sozialen Teilhabe aller Menschen, der Achtsamkeit gegenüber der Umwelt und auch den Einfluss der Stadt auf globale Ungleichgewichte. Erfrischend ist dabei zu sehen, dass der oft von Stadtoberhäuptern eindimensional auf Wirtschaftskraft ausgerichtete „Wert“ der kommunalen Politik aufgebrochen wird und einem breiten, holistischen Ansatz Platz macht.

Hoffen wir, dass diese Idee weiter Schule macht und viele Kommunen und Länder rund um die Welt das Gemeinwohl neu definieren. Uns allen täte gut, in einer Donut-Welt zu leben.

Christian Knäbel
ck@globalmediaconsult.com

Christian Knäbel ist ein erfahrener Unternehmensberater und Coach. Er berät Unternehmen, aber auch Einzelpersonen, weltweit in der Medien- und Telekommunikationsbranche in Projekten zu Strategie, Business Development und Nachhaltigkeit. Sein Motto: Nachhaltig leben sollte kein Hexenwerk sein: praktisch und in kleinen Schritten kann jeder was tun.