Letzte Nacht habe ich gebetet….

Letzte Nacht habe ich gebetet. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal gebetet habe. Damals ging es mir persönlich schlecht – vor etlichen Jahren. Das Beten war ein Akt des Selbstmitleids. Ein wenig Katharsis war auch dabei; aber es war eine mehr oder weniger verzweifelte, weinerliche Angelegenheit. Letzte Nacht jedoch war es anders: Mein Beten kam aus der Tiefe meines menschlichen Seins. . Ein Gefühl beseelte mich, dass hier jetzt gerade für und in dieser Welt ein Gebet – sei es nur ein kleines eines unbedeutenden Menschen – genau passend sei. Ich empfand es als eine angemessene, befriedigende Reaktion auf die Krise, die die Menschheit erfasst hat. Das Gebet kam wie eine natürlich, instinktive Handlung zu mir: Jetzt hilft nur noch beten.

Letzte Nacht habe ich gebetet, weil der Wunsch mich erfasste, der Pandemie etwas entgegenzusetzen. Ich wollte eine gute, hoffnungsvolle Energie in die Welt hinaus senden. In eine Welt, die inzwischen fast bis in den letzten ihrer Winkel von einem tödlichen Virus bedroht wird. Die Menschheit mit all ihren Möglichkeiten des Intellekts, mit ihrer Zivilisation, ihrer Wissenschaft, ihrer Technologie und ihrem Fortschritt steht einer Pandemie eines klitzekleinen Virus nahezu total ausgeliefert gegenüber. Wir sind am Ende unserer Weisheit. Und genau in diesem Moment empfand ich es als auf beruhigende Art weise zu beten. Sich in ein Gebet zu vertrauen, erschien mir als das Menschlichste, was ich tun konnte. Den Beten bedeutet auch Vertrauen.

Letzte Nacht habe ich gebetet: Für alle Menschen auf der Erde – auch für diejenigen ganz besonders, denen ich sonst eher gram sein möchte. Vielleicht war mein Gebet auch gerade ganz besonders für diese. Ich betete für die Menschen und die ganze Welt: Möge die gemeinsame Erfahrung uns wieder näher zusammen führen, mögen wir wieder Werte wie Solidarität, Menschenwürde und Wertschätzung für uns und die Erde wieder mehr in den Mittelpunkt unseres Seins rücken. Mögen wir alle gute Lehren aus diesen Zeiten ziehen. Mögen wir wieder Vertrauen ineinander und füreinander erfahren und schenken.

Letzte Nacht habe ich gebetet. Ich habe für Vertrauen und Glauben gebetet – ohne mein Gebet an einen „spezifischen Gott“ zu richten. Mein Gebet war ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Hoffnung, in dem Vertrauen, dass wir alle ein Teil eines großen Ganzen sind. Dafür brauche ich kein Abbild, keine Religion oder vorgeschriebenes Ritual. Der Glaube und die Zuversicht, dass wir miteinander und der Welt um uns herum verbunden sind, reichte mir aus. Das unerschütterliche Vertrauen in das Gute im Menschen und die Zuversicht in unsere Vernunft, Nächstenliebe und Seele durchdrängte mein Gebet.

Letzte Nacht habe ich gebetet und ich begann wieder zu vertrauen.

Christian Knäbel
ck@globalmediaconsult.com

Christian Knäbel ist ein erfahrener Unternehmensberater und Coach. Er berät Unternehmen, aber auch Einzelpersonen, weltweit in der Medien- und Telekommunikationsbranche in Projekten zu Strategie, Business Development und Nachhaltigkeit. Sein Motto: Nachhaltig leben sollte kein Hexenwerk sein: praktisch und in kleinen Schritten kann jeder was tun.