Nachhaltigkeit braucht Haltung: ein Appell für die Menschlichkeit

Wir reden wieder über Werte in diesen Tagen. Welche Werte unsere Gesellschaft vorlebt und welche unser Zusammensein beleben. Viel ist von Solidarität die Rede, von Rücksichtnahme, Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft und Menschenwürde. Das ist gut so. Denn Werte sind entscheidend für unser Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Werte bestimmen auch das eigene Verhalten. Werte geben Haltung und sind die Voraussetzung von nachhaltigem Handeln in allen Lebensbereichen. Mehr als die Basis für eine Haltung, sind Werte auch der Kompass und die Richtschnur einer Lebensführung. Vor allem aber: Nur wer auch seine Werte lebt und ständig in sein Tun einfließen läßt, macht diese Werte erst auch “wert”-voll und stimmig.

Nachhaltigkeit selbst ist ein Wert. Der Wert der Nachhaltigkeit bedeutet, dass ich jede meine Handlungen daraufhin überprüfe, welche Konsequenz sie hat. Kann ich in einer Stunde, einem Tag, einem Monat oder Jahr noch damit leben, was ich jetzt tue oder entscheide? Können nachfolgende Generationen damit gut leben? Werden sie in einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten sagen: Ja, die Vorfahren haben gut entschieden und gehandelt. Nachhaltiges Handeln ist also auch eine Wette auf die Zukunft – und noch mehr: es ist ein Vertrauen in die Menschen und darauf, dass wir eine gute Zukunft, eine bessere Zukunft, schaffen können. Deshalb ist Nachhaltigkeit auch immer an der Komponenten “Menschlichkeit” zu messen. Ist das, was ich jetzt tue, sinnvoll, hilfreich und nützlich für uns Menschen? Ist mein Handeln geprägt von Respekt und Achtung der Anderen? Führen meine Entscheidungen zu einer Verbesserung für uns Menschen – jedem von uns?

Nachhaltigkeit als Wert und Haltung heißt, sich jeden Tag neu für das Leben und Menschlichkeit zu entscheiden.

Eine Haltung zu haben und sie zu zeigen ist oft anstrengend und auch gelegentlich unbequem. Eine überzeugende Haltung ist aber ein Muss und unabdingbares Bestreben, wenn man sich für Menschlichkeit und Nachhaltigkeit stark macht Eine Haltung kann man nicht nur in einem abgegrenzten Raum haben, sondern muss sie auf alle seine Lebensbereiche anwenden. Würde man sie nur in einem “Rosinen-Picken” auf die bequemen, widerspruchsfreien Bereiche anwenden, dann wäre das auch ein Aushöhlen der Werte. Man würde seine eigenen Werte nur als Schaufenster-Dekoration nutzen und sie damit entwerten und lächerlich machen. Haltung ist somit auch politisch. Wer nachhaltig lebt und handelt, muss dies auch in seinem politischen Denken und Tun zeigen.

Weil unsere Werte und Haltung auch unsere Politik prägen, will ich an vier Politikfeldern aufzeigen, bei denen wir mehr Nachhaltigkeit zeigen müssen – und jeder von uns gefordert ist, diese zu demonstrieren.

Eins mit der Erde leben statt eine Erde in drei Monaten zu verbrauchen

Unser Lebensstil ist geprägt durch Konsum, Komfort und Kapitalismus. Dieser Lebensstil lutscht die Erde aus. Wir verbrauchen die Ressourcen unserer Erde in einem Tempo, das weit entfernt von Nachhaltigkeit ist. Im Durchschnitt leben wir Deutsche in einem Stil, der nach 4 Monaten pro Jahr schon die Ressource einer Erde verbraucht. Wir können uns das leisten, weil wir die Erde uns Untertan machten und weil wir viele andere Regionen der Erde für unseren Lebensstil ausbeuten. 

Man muss kein Adam Riese sein, um zu erkennen, dass dieser Lebensstil nicht mehr lange tragbar ist. Irgendwann – und zwar schon teilweise in unserer Lebenszeit – sind die Ressourcen weg. Nachfolgende Generationen werden nichts mehr zum Überleben übrig haben. Ist das nachhaltig? Wohl kaum.

Wer wirklich nachhaltig denkt, handelt und fühlt, muss in Allem konsequent die Auswirkungen auf die Erde berücksichtigen. Wir können nur überleben, wenn wir wieder im Eins mit unserem Planeten sind und ihn rücksichtsvoll behandeln und pflegen. Die Erde schenkt uns das Leben – darin läßt sich nicht rütteln. In unseren Köpfen steckt leider noch zu oft die Idee, dass die Erde unendlich in ihren Reichtümern sei. Nein, sie ist endlich und sie ist nahezu erschöpft. Die Schöpfung zu bewahren und pfleglich zu behandeln ist daher mehr als nur ein religiöses Gebot: sie ist Menschenpflicht. Wenn wir für uns und unsere Nachfahren eine lebenswerte Zukunft ermöglichen wollen, müssen wir bedingungslos für Umwelt- und Naturschutz, für den Kampf gegen den Klimawandel und gegen das zahlreiche Artensterben eintreten. Jeder kann das auch im Kleinen durch sein Handeln und Konsum tun. Menschlichkeit zeigt sich auch darin, wie wir die Grundlage des menschlichen Lebens behandeln und erhalten. 

Globale Gemeinschaft statt globalisierte Ausbeutung

Die Globalisierung hat unseren Planeten in den letzten 50-100 Jahren negativ verändert, wie niemals zuvor eine menschliche Entwicklung auf der Erde. Wir haben den letzten Winkel ‘ökonomisiert’ und dem Joch des Kapitalismus unterworfen. Jedoch ist die Globalisierung in erster Linie auch nur die Fortführung des Imperialismus und damit nur darauf ausgerichtet, dass wir schwächere und ärmere Regionen zu unserem Nutzen ausbeuten. Wir legen uns den Wert so zurecht, dass wir sagen, dass es diesen Regionen ja besser ginge als vorher. Aber wir verschließen die Augen vor den Lasten und Problemen, die die Globalisierung dorthin getragen hat – und die sie auch bei uns erzeugte.

Würden wir mehr im Sinne einer Globalen Gemeinschaft handeln, dann würden wir darauf achten, dass alle Regionen in der Welt gleichberechtigt vom Reichtum der Erde profitieren. Wir würden sicherstellen, dass Wissen allen Menschen zur Verfügung steht und somit auch Lebens- und Entwicklungschancen fairer zugänglich und verteilt wären. Wir würden helfen, dass Andere in Respekt und Würde leben und sich selbstbestimmt entwickeln dürften. Wir würden mehr auf regional autarke Systeme achten anstatt weiter unausgewogene Abhängigkeiten zu schaffen. 

Wenn wir mehr Wert auf Gemeinschaft und Solidarität legen – gerade mit ärmeren Regionen – würden wir dort auch Lebensstandards schaffen können, die den Menschen ein einkömmliches Dasein ermöglichen. Damit würden wir auch möglichen Fluchtbewegungen entgegen wirken, weil man vor Ort wieder ein Auskommen und Perspektive hat.

Grenzenlose Solidarität statt eingegrenzte Menschen

Wir igeln uns gerade wieder mehr ein hinter unseren Mauern und Grenzen. Manche betrachten es als menschliche Natur, sich abzugrenzen. Aber gerade die jetzigen Zeiten zeigen doch, wie sehr wir uns nach Gemeinschaft und sozialen Kontakten sehnen. Der Mensch ist ein Sozialwesen, das nur überlebt im Zusammensein mit Anderen. Sich hinter Grenzen vor anderen Menschen zu verschanzen ist wider unserer Natur. Und doch tun wir es: wir grenzen andere Menschen aus wegen ihrer vermeintlichen “Andersartigkeit”; wir sprechen diesen Menschen gar ab, dass sie uns gleichgestellte Menschen sind. Wir schotten Minderheiten ab, wir schließen unsere Tür vor Menschen in der Not, wie segmentieren die Gesellschaft nach ihrer “Lebenswertigkeit” im Sinne rein ökonomischer Überlegungen. Wollen wir wirklich so sein? 

Ein gutes Beispiel ist unser Umgang mit Flüchtlingen. Abgesehen davon, dass einige Hetzer automatisch jedem Flüchtling unlautere Motive unterstellen, wendet sich ein Großteil gerade von den unglaublichen Zuständen in Flüchtlingslagern in Griechenland, Türkei, Libanon, Jordanien und Syrien ab. Wir verschließen unsere Augen vor dem Leid, das wir selbst durch Globalisierung und Unterstützung von Kriegen und Ungleichgewichten verursacht haben. Hier ist grenzenlose Solidarität gefordert. Wir haben die Mittel und Voraussetzungen, um zu helfen. Wer nachhaltig leben will, muss auch hier Haltung zeigen.

Ein Leben im Gemeinwohl statt Tote für den Kapitalismus

Der Kapitalismus ist ein gefräßiger, skrupelloser Gott. Er fordert immer wieder neue Opfer, um sich am Leben zu erhalten. Im Kapitalismus gelten die Schwachen, die Wehrlosen und die “Unnützen” nichts und sie werden von der Gesellschaft geopfert. Der Kapitalismus verspricht Wohlstand und Reichtum. Doch das alleine ist kein Lebensglück. Der Wohlstand wird durch Ausbeutung der Erdressourcen teuer bezahlt und der kapitalistische Wohlstand sorgt für extreme Ungleichgewichte und Ungerechtigkeit in der Welt. Unser Reichtum baut auf dem Elend anderer auf. Weil anderswo Krieg geführt wird mit unseren Waffen und für unsere “lebensnotwendigen” Güter wie Öl, Land, Fleisch etc, leben wir hier in bequemem, blindem Luxus. Der Kapitalismus huldigt nur sich selbst und kennt keine Werte wie Menschlichkeit, Solidarität oder Gemeinwohl.

Doch der Kapitalismus ist am Ende, weil die Ressource Erde langsam zu Ende geht. Wollen wir also den Rest Erde retten, müssen wir den Kapitalismus ausbremsen – oder noch besser abschaffen. Wir müssen uns hin zu einer Gemeinwohl-orientierten Ökonomie wenden. Das ist keine Utopie, sondern möglich. Länder wie Irland, Schweden oder Uruguay haben diese Ziele schon in ihre Verfassung geschrieben. Es darf das Wohl einer Gesellschaft nicht in Bruttosozialprodukt-Steigerungen gemessen werden. Wichtiger ist doch, wie wir alle einen Beitrag für eine respektvolle, gesunde Gemeinschaft leisten. Welches wertvolle Wissen und Innovation wir hervorbringen, welche sozialen Errungenschaften und Lebensstandards wir allen Menschen ermöglichen, welche menschliche Teilhabe am Wohlstand und öffentlichen Leben wir erlauben, welche autarken regionalen Wirtschaftsketten und nachhaltige Versorgung wir stärken etc- das sind Bereiche, die wirklich zum Erfolg und Glück einer Gemeinschaft und einer nachhaltigen Zukunft beitragen.

Wenn Du Haltung zeigen willst, dann lebe nachhaltig – in allen Bereichen. Jetzt!

Christian Knäbel
ck@globalmediaconsult.com

Christian Knäbel ist ein erfahrener Unternehmensberater und Coach. Er berät Unternehmen, aber auch Einzelpersonen, weltweit in der Medien- und Telekommunikationsbranche in Projekten zu Strategie, Business Development und Nachhaltigkeit. Sein Motto: Nachhaltig leben sollte kein Hexenwerk sein: praktisch und in kleinen Schritten kann jeder was tun.